30 Jahre Halbzeitpause

Uefa-Cup-Finale 1988: als Zehnjähriger werde ich nach der ersten Halbzeit ins Bett geschickt. Es steht 0:0, und nach dem 0:3 im Hinspiel setzt niemand einen Pfifferling auf Bayer Leverkusen. Ich gucke die zweite Halbzeit nachträglich. Dreißig Jahre später.

Ich sehe mir, um wieder ein bisschen reinzukommen, auch die erste Halbzeit an und werde gleich belohnt: Hymne und Logo der Eurovision! Als Kind bin ich dann immer besonders aufgeregt. Meistens bei Wetten, dass… („Wir begrüßen unsere Zuschauer in der Schweiz und in Österreich!“). Heute Abend aber, versichert der Reporter Günter-Peter Ploog, berichten 24 Stationen aus 20 Ländern! Für mich überträgt das ZDF, und das ist ja auch ganz richtig so, dass der ewige Zweite im Zweiten gezeigt wird, haha!

Das Spiel fängt an. Bereits in der zweiten Minute eine gelbe Karte für Alois Reinhardt. „Who the fuck is Alois?“ Kann mich an den Spieler nicht erinnern, sorry! Drücke zunächst auf Pause und unterdrücke dann doch den Reiz, Alois zu googeln. Der Zeitgeist bleibt in der Flasche.
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Ich fühle mich wie beim ersten Stadionbesuch, denn verzogen von den heutigen Fernsehbildern traue ich meinen Augen kaum: keine Wiederholungen, keine Zeitlupe, kaum Nahaufnahmen, keine Stimmungsbilder von der Tribüne. Der Spielstand wird nur zweimal kurz eingeblendet. Keine Spielernamen, keine Reklame auf den Trikots. Die Bandenwerbung flackert nicht. Das gesamte Seherlebnis ist angenehm reizarm. Apropos Bandenwerbung: Solides (Metaxa-Bauhaus-Erdgasheizung) neben Rätselhaftem: Was soll Valli Colombo – die Beschläge / las manillas bedeuten? Ich grübele, doch bleibe: standhafter Googlenix. Den Schriftzug Flair Plastics korrigiert mein 2018-Ich beim ersten Lesen unterbewusst zu Fair Plastics. Überhaupt: dieses 2018-Ich, der alte Sack, hat gut reden und schwadroniert von „reizarm“ und „Entschleunigung“ während der zehnjährige Junge vielleicht vor Aufregung bereits dreimal in den Frottee-Schlafanzug gepinkelt hat. Aber wenn man ehrlich ist, dann passiert in der ersten Halbzeit herzlich wenig. Der Kommentator sagt zwar: „Ich würde an Ihrer Stelle zuhause die Mannschaft noch nicht aufgeben.“ Mama und Papa jedoch tun genau das: „Das war’s, da geht nix mehr.“ Mir hilft auch nicht, dass Günter-Peter Ploog einen Kalenderspruch raushaut:

„Unmögliches kann ja manchmal sofort erledigt werden. Wunder dauern halt etwas länger.“

Meine Eltern überhören das. „Marsch ins Bett!“
(…)
Zweite Halbzeit, Terra incognita! Jetzt ist auch das 2018-Ich endlich im Spiel angekommen und zeigt die einem Finale angemessene Anspannung. Bayer legt los wie Zatopek (nein, das sind keine Zäpfchen aus dem Bayer-Giftschrank, das …
TOR! TOR! TOR! Tita! Reingestochert, reingewürgt! Reiner Wille! Zur Feier des Augenblicks gibt es die erste Zeitlupenwiederholung. Eine einzige! Und da geht das Spiel auch schon weiter. Fünf Minuten später wird Tita ausgewechselt. Was geht denn hier ab? Doch der Neue, Klaus Täuber, flankt eine weitere Minute später knallhart in die Mitte, wo Falko Götz mit einem wahnsinnigen Flugkopfball das 2:0 erzielt. Ein Traumtor! Doch auch jetzt wieder nur eine einzige Wiederholung. Bei aller Nostalgie denkt das 2018-Ich leise „menno!“
Doch keine Zeit zum Verweilen, denn „es kann rauschen in Leverkusen! Was für ein Spiel… in dieser zweiten Halbzeit.“ Die Spanier verlegen sich jetzt aufs Zeitschinden und Schiri Jan Keizer spielt ungeniert Taschenbillard; zeigt einen Löw’schen Sackkratzer avant la lettre. Als ob meine Eltern geahnt hätten, das sich jugendgefährdendes abspielt in der zweiten Hälfte. Auch der Reporter hat etwas geahnt: „Ich hab meinen Videorekorder daheim getimet bis 23:00 Uhr.“
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Das Wunder geschieht: 3:0! Es geht in die Verlängerung. Der Reporter erwähnt die Siegprämie: 20.000 DM. Wie niedlich!
Bereits das gesamte Spiel über preist Ploog ausdrücklich die gute Stimmung im Ulrich-Haberland-Stadion, doch in der Verlängerung schwinden auch ihm die Kräfte, das folgende Lob rutscht ihm über den Spann: „Also, wenn es irgendwo eine Zuschauermedaille zu verleihen gibt, dann wäre dies Leverkusener Publikum heute Abend einer der Aspiranten auf diese Medaille.“
Irgendwo? EINER DER Aspiranten? Wo genau kommen denn jetzt die anderen Publika her? Zum Glück boxt Klaus Täuber das nachher wieder gerade: „Hab ich nicht mal in (sic!) Schalke erlebt, so’n Publikum.“
Aber das ist bereits nach dem Elfmeterschießen. So eine Elfmeterschießerei ist irgendwie immer nervenaufreibend, selbst wenn es sich um eine dreißigjährige Aufzeichnung handelt und man das Ergebnis kennt.

Es geht zur Siegerehrung. Das Podest ist mit grün(?)-weißen Ballons geschmückt und der Stadionsprecher spricht: „Liebe Sportfreunde, sie sind mit mir sicherlich einer Meinung: unserer Mannschaft ein dreifaches: Hipp, hipp, hurra! Und unseren Freunden von Espanyol Barcelona wünschen wir für die Zukunft alles Gute!“

Manche meinen, dass Espanyol sich nie von diesem Schock erholt hat. In der folgenden Saison steigt man ab und der Verein gerät in eine schwere finanzielle Krise. Wäre mein Leben anders verlaufen, wenn ich nicht nach der ersten Halbzeit ins Bett gemusst hätte? In jedem Fall hätte ich Silvester 2018 wohl kaum dieses Spiel geguckt. Eigentlich wäre das schade gewesen. Um noch ein letztes Mal Ploog zu zitieren: „Es hat mir Spaß gemacht und Ihnen zuhause hoffentlich auch. Wer nicht, der ist eigentlich selber schuld.“IMG_5780

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Tierisch!

Die Sommerferien müssen geplant werden und mir wird klar (gemacht), dass es mit einer Woche Texel nicht getan ist. In jedem Niederländer steckt auch ein Entdeckungsreisender, ein Eroberer: ein Abel Tasman, ein Peter Stuyvesant. So auch in meiner Frau. Es geht nach Malawi! Dabei ist das noch nicht mal eine holländische Kolonie. Sorry, die offizielle Sprachregelung ist ja: „Handelsniederlassung“. Schlappe dreizehn Impfungen und acht­zehn Flug­stunden trennen uns von dem Land, das nicht nur beinahe so klingt wie „Malaria“, sondern das auf der Karte auch schon so aussieht wie der hier weitverbreitete „Bilharziose“-Wurm, der durch die Haut in die inneren Organe gelangt.

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Wir erkunden Zomba, die ehemalige Hauptstadt. Ich frage unseren Guide, der Respect heißt, wo sich denn die ganzen streunenden Hunde verstecken, schließlich habe ich mich für teuer Geld impfen lassen, unter anderem gegen Tollwut. „All animals get died“. Und tatsächlich: Außer den Hühnern im Bus, den gegrillten Mäusen auf dem Markt („African sausages“) und den Kakerlaken im Hotelzimmer („Comfotable enough to move in“ lautet der Slogan) sehen wir keine Tiere. Zumindest keine, die in die Nähe der „BIG 5“ kämen (Löwe, Elefant, etc…). Respect verspricht uns aber für den nächsten Tag Löwen.

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Der hiesige Fußballclub heißt nicht etwa „Rambo Zomba Kickerverein“, frei nach Udo Lindenberg, sondern Red Lions. Die Löwen spielen im Pokal-Achtefinale gegen die Mighty Wanderers aus Blantyre. Wir können wählen zwischen regulären Karten für um­ge­rechnet 1 Euro oder VIP-Tickets für 2 Euro. Die VIP-Loge ist ausgestattet mit einem Well­blech­dach (auf das satt der Ball donnert) und mit Plastikstühlen. Hier treffen wir Green Malunga, landesweit bekannter Fan der Wanderers. Bei Auswärtsspielen hält er sich zum Glück bedeckt, in Blantyre aber kann er schon mal „nasty“ werden. Einmal hat er sogar die Spieler der gegnerischen Elf angegriffen. Ein Großteil der Zuschauer ist deutlich zu spät, erst nach der Pause ist die Bude voll. Hier weiß man, dass Wunder immer in der zweiten Hälfte geschehen. Ich sehe ein gutes Spiel auf hohem technischen Niveau auf schlechtem Feld. Ich sage zu Respect: „potato acre“, doch der versteht mich nicht. Alter­nativ versuche ich mich an völkerverständigenden Schlachtgesängen. „Zickezacke, Zicke­zacke, Zomba hey!“ Respect sagt: „Music has no grammar!“ Die roten Löwen ge­winnen und alle feiern. Der grüne Malunga ist schnell im Getümmel verschwunden und auch wir müssen wieder nach Hause. Im Flugzeug imitiere ich Ex-Nationalspieler Albert Mpinganjiga; der will auf einer Länder­spiel­reise Fleisch und Salat bestellen und tut das mit den Worten: „Animals and leaves!“ Antje isst kein Fleisch und sagt: „I am a vege­table!“

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Fröhlichen Königstag!

Heute hat Willem-Alexander Geburtstag, es ist „Königstag“: die Untertanen haben frei, besaufen sich mit orangefarbenem Likör und verwandeln alle Straßen in einen einzigen geselligen Flohmarkt, den sogenannten „vrijmarkt“. Hier verkaufen Leute, gerne vor ihrer eigenen Haustür, häufig Dinge, die am Ende des Tages, falls sie nicht an den Mann gebracht werden können, einfach auf dem Bürgersteig liegen bleiben, damit die Müllabfuhr sich ihrer erbarmt.

Oder sie verkaufen ungewöhnliche Dienstleistungen: man kann für 50 Cent ein Kompliment kriegen („man hört fast gar nicht, dass Sie aus Deutschland kommen“), sich von Zehnjährigen beim Hütchenspiel abziehen lassen, Orangen in die Gracht katapultieren, oder einen Fußballworkshop belegen:

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„Fußballspielen wie Robben? Hör auf zu grübeln. Komm hier und spiel nicht wie nasses Papier!“


Ich wähle gleich alle vier Module „Schusstechnik, Bälle halten, Scheinbewegungen und Taktik(!)“ denn mein Trainer heute, ein Dreikäsehoch aus Gouda, ist ganz bestimmt der neue Robben-Cruijff-Klopp-Pep. An Begeisterungsfähigkeit ist er schwer zu überbieten, und er rettet den dieses Jahr leider so kalten und verregneten Nationalfeiertag. Wahrlich kein Kaiserwetter, desalniettemin (nichtsdestoweniger): „Vrolijke Koningsdag!“

JC Superstar

Die Extrawürste des Erlösers

DJCTQ_-_14Johan Cruijff ist tot. Seine Initialen JC, sein Spitzname „der Erlöser“ und seine Worte „im gewissen Sinn bin ich wahrscheinlich unsterblich“ lassen jedoch manchen hoffen, dass er heute am Ostersonntag doch noch zurückkehren könnte. Man trauert schließlich um den größten Niederländer seit…

…den größten Niederländer aller Zeiten.

Am Karfreitag spielte Holland in der Amsterdam Arena (die schon bald Johan Cruijff-Stadion heißen könnte) ein Freundschaftsspiel gegen gegen Frankreich. Das Spiel wurde in der 14. Minute unterbrochen für eine Schweigeminute, außer­dem spielte Oranje ohne eine Nummer 14 im Kader. Der niederländische Fußball­bund erwog selbst, die Nummer 14 für immer zu streichen, aber das scheinen UEFA und FIFA nicht zu erlauben. Bei Ajax wird die Rückennummer 14 bereits seit 2007, Cruijffs 60. Geburtstag, nicht mehr vergeben.

„Was Johan Cruijff für den Fußball ist, das bin ich ich fürs Fernsehen. Nur mache ich immer noch Witze und er kann nicht mehr vor den Ball treten.“
Rudi Carrell

Die Nummer 14 war Cruijffs Markenzeichen, der Amsterdamer war überhaupt einer der ersten Fuß­baller bei dem man von professioneller Vermarktung sprechen konnte. So hatte er bereits einen Spielerberater, in einer Zeit, in der die Vereine eigentlich noch direkt mit dem Spieler sprachen. Es kam sehr ungelegen, dass Trainer Rinus Michels sich für die Weltmeisterschaft 1974 ausgedacht hatte, die Nummern alphabetisch zu vergeben, das hieß: je näher am „A“ desto niedriger die Nummer. Demnach hätte Cruijff mit der für einen Feldspieler unerhörten Nummer 1 auflaufen sollen. Nur wenige Monat zuvor war noch ein von Cruijffs Berater produzierter Dokumentarfilm erschienen mit dem Titel „Nummer 14 – Johan Cruijff“. Der Kapitän der Elftal weigerte sich, Michels Zahlen­spiele mitzuspielen. Es wurde für ihn eine Ausnahme gemacht. Die Regel galt aber weiterhin für alle anderen, und so durfte Ersatzstürmer Ruud Geels mit der Torwart­nummer auflaufen, beziehungsweise froh sein, dass er keine einzige Spielminute bekam.

Es sollte nicht die einzige Extrawurst bleiben, die man dem Anführer der Nationalelf briet, denn es behagte dem Puma-Werbeträger auch wenig, dass Adidas der Ausrüster von Oranje war. Johan Cruijff sagte zum KNVB: „WIR müssen Adidas tragen, weil IHR dafür bezahlt werdet. Entweder ihr bezahlt mich auch dafür, oder ich trage Puma!“ Der Bund weigerte sich, und so trug Cruijff zwar kein Puma während der Endrunde, wohl aber als einziger Spieler ein spezial angefertigtes Trikot mit lediglich zwei Streifen.

cruijff_ajax_logo_kleinEine solche Vorzugsbehandlung bekommt nur der Allerbeste, und das war die Nummer 14 zweifels­ohne. Ausländische Beobachter trauten ihren Augen kaum, doch für seine Team­kameraden war es das Normalste der Welt: Cruijff klaute nicht nur dem Gegner den Ball, er lief mitunter auch zum eigenen Mann, um ihm den Ball wegzunehmen. 1974 war Cruijff der beste Fußballer der Welt, machte seine Mannschaft zu der besten ‒ es schien nur folge­richtig, dass er den Weltpokal in die Luft stemmen würde…

Doch dann wurde der Finaltag zum schwarzen Sonntag. Für viele Niederländer symbolisiert der 7. Juli 1974 das Ende der 60er Jahre: das Ende aller Illusionen. Ein Trauma ward geboren. Chris Willemsen schreibt in seinem Buch De moeder aller nederlagen: „Selbst wenn wir jedes Jahr zehn Mal zweistellig gegen die gewinnen, dann noch kann die Freude über diese Siege nicht den herz­zer­reißenden Schmerz des verlorenen WM-Finales auf­wiegen.“ Viele sind hierzulande bis heute davon über­zeugt, dass man um den Titel betrogen wurde durch Berti Vogts und die BILD-Zeitung. Die Schlag­zeile „Cruijff, Sekt, nackte Mädchen und ein kühles Bad“ (heute hieße das wohl eher: Käse! Kicken! Ficken!) soll Cruijff den Schlaf gekostet haben, da er am Telefon seine Frau be­schwichtigen musste. Die nackten Mädchen soll der BILD-Mann selbst mitgebracht haben. Im Finale dann konnte die über­nächtigte Nummer 14 dem Terrier genau einmal ent­wischen, nämlich in der allerersten Minute (Die Ballkontakte in der 1. Minute des WM-Finales 1974 bis zum 1:0 für die Niederlande: Cruijff – Van Hanegem – Neeskens – Krol – Rijsbergen – Haan – Suurbier – Haan – Rijsbergen – Haan – Cruijff – Rijsbergen – Krol – Van Hanegem – Neeskens – Rijsbergen – Cruijff – Neeskens). Nach dem 1:0 aber klebt Vogts wie eine Brief­marke an Cruijff, und so machte der Wadenbeißer Europas Fußballer des Jahr­hunderts zur Achilles­ferse. Bondscoach Rinus Michels soll nach dem Spiel zu Vogts gesagt haben: „Schade, dass dieser berühmte Cruijff nicht mitgespielt hat, sonst hättest du heute bestimmt nicht so einen leichten Nachmittag gehabt.“

Aber waren es wirklich mittelalterliche Manndeckung und eine Hetzcampagne, die ver­hinderten, dass der große Johan Cruijff in seinem Leben alles gewann, bis auf den WM-Titel?

Guido Frick, der Sektmädchen-Journalist, wurde im holländischen Mann­schafts­hotel Zeuge dessen, was der Stab arg wohlwollend als „freie Disziplin“ be­zeichnete: Die Mann­schaft feierte den Zwischenrundensieg gegen die DDR als sei man bereits Welt­meister geworden. Es wurde viel Alkohol getrunken und auch kräftig geraucht. Cruijff schnorrte den als Nudel­vertreter getarnten Frick um Zigaretten an und kippte einen (als „Sparwasser“ getarnten) Whiskey nach dem anderen. Der jetzt an Lungenkrebs ge­storbende Cruyff rauchte in seiner aktiven Zeit heimlich in der Halbzeitpause und nach dem Spiel auch öffentlich. In der letzten Reihe im Spieler­bus qualmte er und auf dem Hotel­zimmer sogar so viel, dass Zimmergenosse Johan Neeskens („Johan, der Zweite“) darum bat, verlegt zu werden.

frans-derks-we-gaan-naar-munchen-imperialDie orangenen Löwen erwachten in München also mit einem gehörigen Kater. Das Reizwort „München“ sollte Cruijff auch in der Zukunft noch Kopfschmerzen bereiten: Nach­dem Cruijff und Ajax 1971, 1972 und 1973 mit revolutionärem, höchst unter­haltsamen Angriffs­fußball dreimal in Folge den Europapokal der Landesmeister gewonnen hatten, gelang darauffolgend den Bayern aus München dasselbe Kunststück: sie ge­wannen den Henkelpott 1974, 1975 und 1976. IHR Fußball war allerdings das totale Gegen­teil der Amsterdamer Schule: unansehnlicher Kampffußball, häufig mit mehr Glück als Verstand, zum Beispiel mit völlig unverdienten Siegtreffern in der Nachspielzeit (Stichwort: Müllertor).

1978 dachte man, es sei eine gute Idee, die beiden großen Mannschaften der 70er gegeneinander spielen zu lassen und Bayern München zu Johan Cruijffs Abschiedsspiel bei Ajax Amsterdam einzuladen. Die Holländer versäumten es allerdings, den Bayern zu erklären, dass ein Abschiedsspiel im Wesentlichen so abläuft, dass man den Jubilar einmal treffen lässt, um ihn dann auf den Schultern vom Platz zu tragen. Die Bayern jedoch kamen nicht mit ein paar Kästen Bier aufs Spielfeld, sondern mit einer Menge Wut im Bauch (Scheiß-Hotel, von den Fans als Nazis beschimpft, von den Gastgebern mit dem Arsch nicht angeguckt…). Mit 8:0 (in Worten: acht! zu! null!) regten sie sich ab und die Niederländer bis heute noch auf. „Typisch Duits!“ Sepp Maier nimmt einen Ehrenplatz ein im Pantheon deutscher Antipathieträger, sitzend, mit einem seiner Pfosten als Rücken­lehne. Der Maier Sepp machte es sich tat­sächlich mitten im Spiel auf seinem Aller­wertesten bequem. „Een akelig mannetje!“ Spät, erst im Jahr 2006, entschuldigte sich Karl-Heinz Rummenigge („Es war eine Beleidigung.“).scannen0081

Inzwischen sind weitere zehn Jahre vergangen und das Freundschaftsspiel zwischen Frankreich und den Niederlanden wird kurzfristig zu Johans Abschiedsspiel. Diesmal also für immer. JC muss sich aber auch dieses Mal mit der Niederlage einer schlecht spielenden Mannschaft begnügen. Die Zeitungen schreiben, dass Oranje nur in der 14. Minute nicht überfordert war, und dass man das Stadion absolut nach Cruijff benennen sollte, aber bitteschön auch einen Ausgang nach dem heutigen Nationaltrainer Danny Blind. Den Siegtreffer für die Équipe Tricolore erzielte übrigens Frankreichs Nummer 14. Ausgerechnet. Darüber lacht der Fußballgott.

Und Vincent sah die Sonnenblumen
Und Einstein sah die Zahl
Und Zeppelin den Zeppelin
Und Johan sah den Ball
(frei nach Toon Hermans)

BERND DIE MUTTER

Hölzenbein ik hör Dir trappsen

Niederländisch lernen? Die verstehen doch alle Deutsch?!“, sagt zu mir, auf der Familienfeier, der Mann von der Schwester von…

sagt Udo. „Also ich bestelle meine Pommes in Scheveningen immer schön auf Deutsch. Und wenn der Kollege dann so tut als würd‘ er nichts kapier’n, dann sach ich: Mach hinne Meister, einma Rot-Weiß, aber Zack! Zack!“
„Zack! Zack!“ – und ich Traumtänzer vergeude wertvolle Lebenszeit, indem ich drei Semester niederländische Konversation studiere! „Zack! Zack!“ – die SS-Runen unter den Höflichkeitspartikeln.

Doch nicht nur an der Frittenbude lässt es sich vortrefflich in Fettnäpfchen stapfen. Hollands Kanäle, Siele, Grachten bieten sich dem Deutschen dar wie ein einziges fein gesponnenes, landesweites Fettnäpfchen, und der Deutsche ist sich nicht zu schade, hinein zu stürzen wie eine brennende Hindenburg.
Wie tief manche Wunden sind, merkt man erst, wenn man sie aufreißt. Man sitzt mit Holländern in der Kneipe, trinkt in fröhlicher Runde ein
Bier nach dem andern (und wird doch nicht betrunken, godverdomme Grachtenpisse!) und man sagt völlig arglos: „Im Trinken bin ich Beckenbauer“. Null Reaktion. „…beim Biertrinken bin ich ein Weltmeister!“ Wo eben noch Lärm und lustiger Tisch, glotzt nun der stumme Fisch…
ein
stiller matjes sozusagen. Das Wort Weltmeister hat hierzulande einen mindestens ebenso schlechten Klang wie Weltkrieg. Oder wieFairbeek ii „Schwalbe“.

Kennengelernt haben die Niederländer das Wort Schwalbe, oder besser gesagt das Phänomen 1974 als im WM-Finale hölzerne Beine in den niederländischen Strafraum einmarschierten und abhoben. Hölzenbein log, Hölzenbein flog – und ist seit diesem Moment fester Bestandteil eines nationalen Traumas.

Die Niederländer haben tatsächlich „Schwalbe“ als deutsche Fremdwort in ihre Sprache aufgenommen. Es gab Versuche, ein eigenes, ein niederländisches Wort zu finden, sowie „fopduik“, „kunstduik“, oder auch „robben“ – denn obwohl die Niederländer die Schwalbe als eine teutonische Tugend betrachten, hat Arjen Robben es hierin zur Meisterschaft gebracht (und in den niederländischen Augen folgerichtig beim Rekordmeister in München angeheuert). Doch es kann nur einen geben: Bernd Hölzenbein ist die Mutter aller Schwalben!

 

Wieder das Verpissen

>>ROTTERDAM

eine Stadt, auf die man stolz sein kann, ohne sich dafür schämen zu müssen.<<

Das hätte ich ein gutes Motto für meine Wahlheimatstadt gefunden. Die Stadt­oberen haben sich aber leider für den Slogan „make it happen“ entschieden. Blöder­weise benutzt die Firma Tena bereits denselben Werbe­spruch. Tena verkauft In­kontinenz­produkte.beschnitten

Und noch blöderer­weise haben Feyenoord-Fans fünf Tage nach meiner Kolumne über Wild­pinkler neue Maßstäbe gesetzt in Sachen „wildplassen“: der berühmte Barcaccia-Brunnen in Rom, Baujahr 1629 wurde von hunderten Schlachten­bummlern kurzer­hand zum Urinal um­funktioniert. Die Bewohner der ewigen Stadt wissen jetzt, Dank sei den „Olandesi Animali“ (niederländische Bestien), dass nichts für die Ewigkeit ist.beschnitten krant

Heute findet das Rückspiel zwischen dem AS Rom und Feyenoord statt, und man fürchtet, dass die Romanisti auf Rache sinnen könnten und ihrerseits Reviere markieren und Duftmarken setzen.

Nun ist guter Rat teuer. Singt man den Fans zu: „Ihr könnt zu Hause harn'“? Erhöht man die Deiche gegen die Spaghetti-Seiche?

In jedem Fall muss ich zugeben, dass der blasenschwache Stadt-Slogan dann doch der stärkere ist, denn Rotterdam muss heute Abend seine Ab­sorp­ti­ons­fä­hig­keit unter Beweis stellen.DSCF1934DSCF2556