Tierisch!

Die Sommerferien müssen geplant werden und mir wird klar (gemacht), dass es mit einer Woche Texel nicht getan ist. In jedem Niederländer steckt auch ein Entdeckungsreisender, ein Eroberer: ein Abel Tasman, ein Peter Stuyvesant. So auch in meiner Frau. Es geht nach Malawi! Dabei ist das noch nicht mal eine holländische Kolonie. Sorry, die offizielle Sprachregelung ist ja: „Handelsniederlassung“. Schlappe dreizehn Impfungen und acht­zehn Flug­stunden trennen uns von dem Land, das nicht nur beinahe so klingt wie „Malaria“, sondern das auf der Karte auch schon so aussieht wie der hier weitverbreitete „Bilharziose“-Wurm, der durch die Haut in die inneren Organe gelangt.

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Wir erkunden Zomba, die ehemalige Hauptstadt. Ich frage unseren Guide, der Respect heißt, wo sich denn die ganzen streunenden Hunde verstecken, schließlich habe ich mich für teuer Geld impfen lassen, unter anderem gegen Tollwut. „All animals get died“. Und tatsächlich: Außer den Hühnern im Bus, den gegrillten Mäusen auf dem Markt („African sausages“) und den Kakerlaken im Hotelzimmer („Comfotable enough to move in“ lautet der Slogan) sehen wir keine Tiere. Zumindest keine, die in die Nähe der „BIG 5“ kämen (Löwe, Elefant, etc…). Respect verspricht uns aber für den nächsten Tag Löwen.

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Der hiesige Fußballclub heißt nicht etwa „Rambo Zomba Kickerverein“, frei nach Udo Lindenberg, sondern Red Lions. Die Löwen spielen im Pokal-Achtefinale gegen die Mighty Wanderers aus Blantyre. Wir können wählen zwischen regulären Karten für um­ge­rechnet 1 Euro oder VIP-Tickets für 2 Euro. Die VIP-Loge ist ausgestattet mit einem Well­blech­dach (auf das satt der Ball donnert) und mit Plastikstühlen. Hier treffen wir Green Malunga, landesweit bekannter Fan der Wanderers. Bei Auswärtsspielen hält er sich zum Glück bedeckt, in Blantyre aber kann er schon mal „nasty“ werden. Einmal hat er sogar die Spieler der gegnerischen Elf angegriffen. Ein Großteil der Zuschauer ist deutlich zu spät, erst nach der Pause ist die Bude voll. Hier weiß man, dass Wunder immer in der zweiten Hälfte geschehen. Ich sehe ein gutes Spiel auf hohem technischen Niveau auf schlechtem Feld. Ich sage zu Respect: „potato acre“, doch der versteht mich nicht. Alter­nativ versuche ich mich an völkerverständigenden Schlachtgesängen. „Zickezacke, Zicke­zacke, Zomba hey!“ Respect sagt: „Music has no grammar!“ Die roten Löwen ge­winnen und alle feiern. Der grüne Malunga ist schnell im Getümmel verschwunden und auch wir müssen wieder nach Hause. Im Flugzeug imitiere ich Ex-Nationalspieler Albert Mpinganjiga; der will auf einer Länder­spiel­reise Fleisch und Salat bestellen und tut das mit den Worten: „Animals and leaves!“ Antje isst kein Fleisch und sagt: „I am a vege­table!“

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Fröhlichen Königstag!

Heute hat Willem-Alexander Geburtstag, es ist „Königstag“: die Untertanen haben frei, besaufen sich mit orangefarbenem Likör und verwandeln alle Straßen in einen einzigen geselligen Flohmarkt, den sogenannten „vrijmarkt“. Hier verkaufen Leute, gerne vor ihrer eigenen Haustür, häufig Dinge, die am Ende des Tages, falls sie nicht an den Mann gebracht werden können, einfach auf dem Bürgersteig liegen bleiben, damit die Müllabfuhr sich ihrer erbarmt.

Oder sie verkaufen ungewöhnliche Dienstleistungen: man kann für 50 Cent ein Kompliment kriegen („man hört fast gar nicht, dass Sie aus Deutschland kommen“), sich von Zehnjährigen beim Hütchenspiel abziehen lassen, Orangen in die Gracht katapultieren, oder einen Fußballworkshop belegen:

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„Fußballspielen wie Robben? Hör auf zu grübeln. Komm hier und spiel nicht wie nasses Papier!“


Ich wähle gleich alle vier Module „Schusstechnik, Bälle halten, Scheinbewegungen und Taktik(!)“ denn mein Trainer heute, ein Dreikäsehoch aus Gouda, ist ganz bestimmt der neue Robben-Cruijff-Klopp-Pep. An Begeisterungsfähigkeit ist er schwer zu überbieten, und er rettet den dieses Jahr leider so kalten und verregneten Nationalfeiertag. Wahrlich kein Kaiserwetter, desalniettemin (nichtsdestoweniger): „Vrolijke Koningsdag!“

JC Superstar

Die Extrawürste des Erlösers

DJCTQ_-_14Johan Cruijff ist tot. Seine Initialen JC, sein Spitzname „der Erlöser“ und seine Worte „im gewissen Sinn bin ich wahrscheinlich unsterblich“ lassen jedoch manchen hoffen, dass er heute am Ostersonntag doch noch zurückkehren könnte. Man trauert schließlich um den größten Niederländer seit…

…den größten Niederländer aller Zeiten.

Am Karfreitag spielte Holland in der Amsterdam Arena (die schon bald Johan Cruijff-Stadion heißen könnte) ein Freundschaftsspiel gegen gegen Frankreich. Das Spiel wurde in der 14. Minute unterbrochen für eine Schweigeminute, außer­dem spielte Oranje ohne eine Nummer 14 im Kader. Der niederländische Fußball­bund erwog selbst, die Nummer 14 für immer zu streichen, aber das scheinen UEFA und FIFA nicht zu erlauben. Bei Ajax wird die Rückennummer 14 bereits seit 2007, Cruijffs 60. Geburtstag, nicht mehr vergeben.

„Was Johan Cruijff für den Fußball ist, das bin ich ich fürs Fernsehen. Nur mache ich immer noch Witze und er kann nicht mehr vor den Ball treten.“
Rudi Carrell

Die Nummer 14 war Cruijffs Markenzeichen, der Amsterdamer war überhaupt einer der ersten Fuß­baller bei dem man von professioneller Vermarktung sprechen konnte. So hatte er bereits einen Spielerberater, in einer Zeit, in der die Vereine eigentlich noch direkt mit dem Spieler sprachen. Es kam sehr ungelegen, dass Trainer Rinus Michels sich für die Weltmeisterschaft 1974 ausgedacht hatte, die Nummern alphabetisch zu vergeben, das hieß: je näher am „A“ desto niedriger die Nummer. Demnach hätte Cruijff mit der für einen Feldspieler unerhörten Nummer 1 auflaufen sollen. Nur wenige Monat zuvor war noch ein von Cruijffs Berater produzierter Dokumentarfilm erschienen mit dem Titel „Nummer 14 – Johan Cruijff“. Der Kapitän der Elftal weigerte sich, Michels Zahlen­spiele mitzuspielen. Es wurde für ihn eine Ausnahme gemacht. Die Regel galt aber weiterhin für alle anderen, und so durfte Ersatzstürmer Ruud Geels mit der Torwart­nummer auflaufen, beziehungsweise froh sein, dass er keine einzige Spielminute bekam.

Es sollte nicht die einzige Extrawurst bleiben, die man dem Anführer der Nationalelf briet, denn es behagte dem Puma-Werbeträger auch wenig, dass Adidas der Ausrüster von Oranje war. Johan Cruijff sagte zum KNVB: „WIR müssen Adidas tragen, weil IHR dafür bezahlt werdet. Entweder ihr bezahlt mich auch dafür, oder ich trage Puma!“ Der Bund weigerte sich, und so trug Cruijff zwar kein Puma während der Endrunde, wohl aber als einziger Spieler ein spezial angefertigtes Trikot mit lediglich zwei Streifen.

cruijff_ajax_logo_kleinEine solche Vorzugsbehandlung bekommt nur der Allerbeste, und das war die Nummer 14 zweifels­ohne. Ausländische Beobachter trauten ihren Augen kaum, doch für seine Team­kameraden war es das Normalste der Welt: Cruijff klaute nicht nur dem Gegner den Ball, er lief mitunter auch zum eigenen Mann, um ihm den Ball wegzunehmen. 1974 war Cruijff der beste Fußballer der Welt, machte seine Mannschaft zu der besten ‒ es schien nur folge­richtig, dass er den Weltpokal in die Luft stemmen würde…

Doch dann wurde der Finaltag zum schwarzen Sonntag. Für viele Niederländer symbolisiert der 7. Juli 1974 das Ende der 60er Jahre: das Ende aller Illusionen. Ein Trauma ward geboren. Chris Willemsen schreibt in seinem Buch De moeder aller nederlagen: „Selbst wenn wir jedes Jahr zehn Mal zweistellig gegen die gewinnen, dann noch kann die Freude über diese Siege nicht den herz­zer­reißenden Schmerz des verlorenen WM-Finales auf­wiegen.“ Viele sind hierzulande bis heute davon über­zeugt, dass man um den Titel betrogen wurde durch Berti Vogts und die BILD-Zeitung. Die Schlag­zeile „Cruijff, Sekt, nackte Mädchen und ein kühles Bad“ (heute hieße das wohl eher: Käse! Kicken! Ficken!) soll Cruijff den Schlaf gekostet haben, da er am Telefon seine Frau be­schwichtigen musste. Die nackten Mädchen soll der BILD-Mann selbst mitgebracht haben. Im Finale dann konnte die über­nächtigte Nummer 14 dem Terrier genau einmal ent­wischen, nämlich in der allerersten Minute (Die Ballkontakte in der 1. Minute des WM-Finales 1974 bis zum 1:0 für die Niederlande: Cruijff – Van Hanegem – Neeskens – Krol – Rijsbergen – Haan – Suurbier – Haan – Rijsbergen – Haan – Cruijff – Rijsbergen – Krol – Van Hanegem – Neeskens – Rijsbergen – Cruijff – Neeskens). Nach dem 1:0 aber klebt Vogts wie eine Brief­marke an Cruijff, und so machte der Wadenbeißer Europas Fußballer des Jahr­hunderts zur Achilles­ferse. Bondscoach Rinus Michels soll nach dem Spiel zu Vogts gesagt haben: „Schade, dass dieser berühmte Cruijff nicht mitgespielt hat, sonst hättest du heute bestimmt nicht so einen leichten Nachmittag gehabt.“

Aber waren es wirklich mittelalterliche Manndeckung und eine Hetzcampagne, die ver­hinderten, dass der große Johan Cruijff in seinem Leben alles gewann, bis auf den WM-Titel?

Guido Frick, der Sektmädchen-Journalist, wurde im holländischen Mann­schafts­hotel Zeuge dessen, was der Stab arg wohlwollend als „freie Disziplin“ be­zeichnete: Die Mann­schaft feierte den Zwischenrundensieg gegen die DDR als sei man bereits Welt­meister geworden. Es wurde viel Alkohol getrunken und auch kräftig geraucht. Cruijff schnorrte den als Nudel­vertreter getarnten Frick um Zigaretten an und kippte einen (als „Sparwasser“ getarnten) Whiskey nach dem anderen. Der jetzt an Lungenkrebs ge­storbende Cruyff rauchte in seiner aktiven Zeit heimlich in der Halbzeitpause und nach dem Spiel auch öffentlich. In der letzten Reihe im Spieler­bus qualmte er und auf dem Hotel­zimmer sogar so viel, dass Zimmergenosse Johan Neeskens („Johan, der Zweite“) darum bat, verlegt zu werden.

frans-derks-we-gaan-naar-munchen-imperialDie orangenen Löwen erwachten in München also mit einem gehörigen Kater. Das Reizwort „München“ sollte Cruijff auch in der Zukunft noch Kopfschmerzen bereiten: Nach­dem Cruijff und Ajax 1971, 1972 und 1973 mit revolutionärem, höchst unter­haltsamen Angriffs­fußball dreimal in Folge den Europapokal der Landesmeister gewonnen hatten, gelang darauffolgend den Bayern aus München dasselbe Kunststück: sie ge­wannen den Henkelpott 1974, 1975 und 1976. IHR Fußball war allerdings das totale Gegen­teil der Amsterdamer Schule: unansehnlicher Kampffußball, häufig mit mehr Glück als Verstand, zum Beispiel mit völlig unverdienten Siegtreffern in der Nachspielzeit (Stichwort: Müllertor).

1978 dachte man, es sei eine gute Idee, die beiden großen Mannschaften der 70er gegeneinander spielen zu lassen und Bayern München zu Johan Cruijffs Abschiedsspiel bei Ajax Amsterdam einzuladen. Die Holländer versäumten es allerdings, den Bayern zu erklären, dass ein Abschiedsspiel im Wesentlichen so abläuft, dass man den Jubilar einmal treffen lässt, um ihn dann auf den Schultern vom Platz zu tragen. Die Bayern jedoch kamen nicht mit ein paar Kästen Bier aufs Spielfeld, sondern mit einer Menge Wut im Bauch (Scheiß-Hotel, von den Fans als Nazis beschimpft, von den Gastgebern mit dem Arsch nicht angeguckt…). Mit 8:0 (in Worten: acht! zu! null!) regten sie sich ab und die Niederländer bis heute noch auf. „Typisch Duits!“ Sepp Maier nimmt einen Ehrenplatz ein im Pantheon deutscher Antipathieträger, sitzend, mit einem seiner Pfosten als Rücken­lehne. Der Maier Sepp machte es sich tat­sächlich mitten im Spiel auf seinem Aller­wertesten bequem. „Een akelig mannetje!“ Spät, erst im Jahr 2006, entschuldigte sich Karl-Heinz Rummenigge („Es war eine Beleidigung.“).scannen0081

Inzwischen sind weitere zehn Jahre vergangen und das Freundschaftsspiel zwischen Frankreich und den Niederlanden wird kurzfristig zu Johans Abschiedsspiel. Diesmal also für immer. JC muss sich aber auch dieses Mal mit der Niederlage einer schlecht spielenden Mannschaft begnügen. Die Zeitungen schreiben, dass Oranje nur in der 14. Minute nicht überfordert war, und dass man das Stadion absolut nach Cruijff benennen sollte, aber bitteschön auch einen Ausgang nach dem heutigen Nationaltrainer Danny Blind. Den Siegtreffer für die Équipe Tricolore erzielte übrigens Frankreichs Nummer 14. Ausgerechnet. Darüber lacht der Fußballgott.

Und Vincent sah die Sonnenblumen
Und Einstein sah die Zahl
Und Zeppelin den Zeppelin
Und Johan sah den Ball
(frei nach Toon Hermans)

Pott! Verdorri!

Moddin, woher aus Deutschland kommst du denn?“ „Aus dem Ruhrgebiet.“ „Aha. Wir waren ja mit den Kindern letztes Jahr auf dem Weihnachtsmarkt in Düsseldorf.“
Das immer gleiche Stück, hunderte Male bereits aufgeführt, seit ich in Holland wohne. Nur manchmal in einer neuen, überraschenden Inszenierung:
„Ich habe Verwandte in Düssel­burg.“, oder: „Seit Düsseldorf den Flughafen hat, geht es ja bergauf.“
Guter Mann, in Düsseldorf ging es nie bergab, und hier wünschte man sich nie
Glück auf!, sondern immer schon Schönes Spiel! …beim Golfen!


Eigentlich hatte ich mir ja vorgenommen, mich nicht mehr darüber aufzuregen, wenn in Gesprächen, Büchern und Filmen die rheinischen Metropolen Düsseldorf, Leverkusen und Köln dem Ruhrgebiet zugeschlagen werden. Aber ich hatte mir ja auch vorgenommen, kein Fernsehen mehr zu gucken.
Auf Holland 1 lief die Doku-Reihe „Hier sind die Van Rossems“, im weiteren Sinne Bildungs­fernsehen. Ein Historiker, eine Kunsthistorikerin und ein Architekturexperte besuchen Köln. In der Einleitung heißt es:
„Köln, im industriellen Herzen des Ruhrgebiets gelegen.“
Wie meinen? Jetzt genügt schon nicht mehr nur die bloße Revierzugehörigkeit, jetzt ist es bereits das Herz des Potts. Verdomme!

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Wie nur erkläre ich unseren westlichen Nachbarn, wie beleidigt beide, Rheinländer und Ruhrpöttler, mit einer derartigen Gleichschaltung sind? Ein Kölner wird zum Beispiel zurecht darauf hinweisen, dass er in einer Millionen- und Weltstadt wohnt, die auf eine 2000-jährige Geschichte zurückblicken kann, während das Revier bis tief ins 19. Jahr­hundert nur von Hattinger Schweinehirten und Sprockhöveler Hirsebauern bevölkert blieb.
Der Bochumer denkt seinerseits, dem Düsseldorfer (Klein-Paris!) erklären zu müssen, dass ein „Kumpel“ keineswegs ein Ferienhaus auf Sylt ist und das „Gezähe“ kein Austern­messer­set.

In den Niederlanden scheint das Rheinland ganz offiziell zum Ruhrgebiet zu gehören. Ich bin es zwar gewohnt, dass, je weiter man von zuhause weg ist, man den Herkunftsort stets großzügiger, weiträumiger angibt. Sobald man das Ruhrgebiet verlässt kommt man bereits nicht mehr aus Witten, sondern aus Dortmund. In Übersee kommt man dann „from Cologne“. Aber dass man ausgerechnet den Holländern erklären muss, dass es ein Unterschied ist, ob man aus Bonn kommt oder aus Wattenscheid wech is…
Ein Rotterdamer nennt die Provinz Limburg „Limbabwe“, so weit weg fühlt sich das f
ür ihn an, auch wenn dort angeblich Landsleute wohnen. Und wehe, er wird im Ausland gefragt, ob er aus AMSTERdam komme, eine knappe Autostunde und gleichzeitig Lichtjahre ent­fernt!

Sobald Deutschdozent MRuhrpott einig Zweistromlandeyer aber anfängt von Katholiken und Protestanten zu erzählen…
* von Pils und Kölsch

* von Tag und Nacht
* vom Strukturwandel und von Schickimickis
* von der Indus
trialisierung und dem Bergbau
* ja überhau
pt von dem historischen Miss­ver­ständnis, Westfalen und Rheinländer in ein Bundes­land zu sperren
…dann kriegt mein Gegenüber immer sofort diesen glasigen Blick, den auch meine Schüler haben, wenn ich ihnen versuche zu erklären, dass das Wörtchen „bis“ als Präposition den Akkusativ nach sich zieht, als Konjunktion aber… 


Vielleicht muss ich es anders erklären. Ich bemühe den Punkvergleich: In Düsseldorf glaubt man, dass das, was die Toten Hosen veranstalten, Punk sei. Die Bandmitglieder lernen sich im Hockeyclub kennen (sic!), und während die Hosen ihr Geld zum größten Teil mit Saufliedern verdienen, trinkt der Sänger Süßholzwurzelsud, um seine Stimme zu schonen (sic! sic!). Düsseldorfer Punkrocker veröffentlichen Weihnachts- und Greatest Hits-CDs und treten im Wiener Burgtheater auf. Derweil stuft die Bundesprüfstelle für Jugendgefährdung die Texte von Wolfgang Wendland als ethische und seinen Bierbauch als ästhetische Desorientierung ein. DAS ist für mich
in a nutshell der Unterschied zwischen Ruhrgebiet und Rheinland.

Also, lieber Holländer, lass mal bitte die Kirche im Dorf, den Dom in Kölle, aber vor allem: lass dem Ruhrgebiet seine Grenze ihre Würde, wonnich?

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BERND DIE MUTTER

Hölzenbein ik hör Dir trappsen

Niederländisch lernen? Die verstehen doch alle Deutsch?!“, sagt zu mir, auf der Familienfeier, der Mann von der Schwester von…

sagt Udo. „Also ich bestelle meine Pommes in Scheveningen immer schön auf Deutsch. Und wenn der Kollege dann so tut als würd‘ er nichts kapier’n, dann sach ich: Mach hinne Meister, einma Rot-Weiß, aber Zack! Zack!“
„Zack! Zack!“ – und ich Traumtänzer vergeude wertvolle Lebenszeit, indem ich drei Semester niederländische Konversation studiere! „Zack! Zack!“ – die SS-Runen unter den Höflichkeitspartikeln.

Doch nicht nur an der Frittenbude lässt es sich vortrefflich in Fettnäpfchen stapfen. Hollands Kanäle, Siele, Grachten bieten sich dem Deutschen dar wie ein einziges fein gesponnenes, landesweites Fettnäpfchen, und der Deutsche ist sich nicht zu schade, hinein zu stürzen wie eine brennende Hindenburg.
Wie tief manche Wunden sind, merkt man erst, wenn man sie aufreißt. Man sitzt mit Holländern in der Kneipe, trinkt in fröhlicher Runde ein
Bier nach dem andern (und wird doch nicht betrunken, godverdomme Grachtenpisse!) und man sagt völlig arglos: „Im Trinken bin ich Beckenbauer“. Null Reaktion. „…beim Biertrinken bin ich ein Weltmeister!“ Wo eben noch Lärm und lustiger Tisch, glotzt nun der stumme Fisch…
ein
stiller matjes sozusagen. Das Wort Weltmeister hat hierzulande einen mindestens ebenso schlechten Klang wie Weltkrieg. Oder wieFairbeek ii „Schwalbe“.

Kennengelernt haben die Niederländer das Wort Schwalbe, oder besser gesagt das Phänomen 1974 als im WM-Finale hölzerne Beine in den niederländischen Strafraum einmarschierten und abhoben. Hölzenbein log, Hölzenbein flog – und ist seit diesem Moment fester Bestandteil eines nationalen Traumas.

Die Niederländer haben tatsächlich „Schwalbe“ als deutsche Fremdwort in ihre Sprache aufgenommen. Es gab Versuche, ein eigenes, ein niederländisches Wort zu finden, sowie „fopduik“, „kunstduik“, oder auch „robben“ – denn obwohl die Niederländer die Schwalbe als eine teutonische Tugend betrachten, hat Arjen Robben es hierin zur Meisterschaft gebracht (und in den niederländischen Augen folgerichtig beim Rekordmeister in München angeheuert). Doch es kann nur einen geben: Bernd Hölzenbein ist die Mutter aller Schwalben!

 

Wort des Jahres

Das Wort des Jahres 2015 in den Niederlanden: sjoemelsoftware (Schummelsoftware)
Gemeint ist die sogenannte Abschalteinrichtung, mit der Volkswagen die Abgaswerte seiner Dieselfahrzeuge manipulierte.

Mein persönliches Wort des Jahres aber fährt nicht Auto, sondern Zug: perronpoeper
Niederländische Züge sind im Allgemeinen immer noch mit einer Fallrohrtoilette ausgestattet, weswegen das WC nicht auf Bahnhöfen benutzt werden darf. Sonst geht der Inhalt der Spülung direkt auf die Gleise. Das ist nicht so appetitlich, zum Beispiel direkt im nigelnagelneuen Rotterdamer Centraal Station.

Seit Jahr und Tag rege ich mich über solche zuwiderhandelnde Zugtoilettenbenutzer auf, seit 2015 habe ich endlich das griffige Wort fürs naming and shaming: Gleisscheißer

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