HEIMWEH!

Gib mir mein Land zurück

Am Tag nach Oranjes Halbfinal-Aus sagt mir eine 13-jährigafleveringe Schülerin, dass sie jetzt Deutschland die Daumen drücke. Meine Augenbrauen pflügen tiefe Runzeln in meine Stirn, vor allem, weil sie „natürlich“ sagt. „Wir sind ja jetzt raus, und ihr seid uns am Nächsten. Also…“ Um ein Haar halte ich ihr einen Vortrag: „Völlig falsch, mein Kind…“

Mich drängt es, sie aufzuklären über ihr Missverständnis. Will ihr sagen, dass sie noch viel lernen müsse, dass nichts unnatürlicher sein könnte als ihre Nächstenliebe. „Herr Meyer,“ will ich ihr soufflieren, „Sie sind ja ganz nett, aber ich werde beten: Lieber Gott, lass Lance Armstrong noch weitere sieben Mal die Tour de France gewinnen, gib den blöden Belgiern all unser Eis­schnell­lauf­gold, aber bitte lass diese verf*#% Deutschen nicht schon wieder Weltmeister werden!!!“ Ja, so würde ein Schuh daraus! Statt­dessen: „Viel Glück für Sonntag. Ik hoop echt, dat Duitsland wint!“

Gedankenverloren vergesse ich, mich zu bedanken. Ist Ihre Naivität altersbedingt? Ver­nach­lässigen die Eltern ihre Erziehung? Erschrocken denke ich: was aber, wenn das Kind recht hat? Neinneinnein. Klar, man hat schon Pferde kotzen sehen. Aber Fische schreien hören?

kop breed

80% der Niederländer drücken Deutschland die Daumen

Die Geschichte nimmt ihren Lauf. Der Sonntag kommt und Deutschland gewinnt durch ein Tor kurz vor Schluss. Typisch deutsch. Doch die Zeitungen schreiben nicht „typisch!“, sie schreiben „verdient!“ Jawiejetzt? Meine Schülerin scheint kein Einzelfall, 80% der Niederländer drücken Deutschland die Daumen. Dabei haben sie eine argentinische Königin! Wo ist das Land, in das ich ausgewandert bin? Die Holländer waren immer die weltoffensten, ihre Toleranz kannte keine Grenze… außer der deutschen! Das Anti-Deutsch-Sein lag praktisch in der Natur der Holländer. Was soll ich denn jetzt machen?

„Bitte annektiert uns!“

Worin besteht denn jetzt noch die Mutprobe, von der Wohnung zum Supermarkt und zurück im Deutschland-Trikot zu laufen, wenn einem die Leute zulächeln und Daumen hoch gebaren?! Ich vermisse die gepflegte Abneigung gegen den großen Nachbarn. Liebe Holländer, eure Liebe klebt! Wer auch immer euch die Käseköpfe verdreht hat, bitte glaubt ihm nicht! Jetzt scheint plötzlich alles schwarz-rot-gold was glänzt, und ich muss lesen: „Warum die Deutschen in ALLEM gut sind (Wirtschaft, Intellekt, Umwelt…)“ und „Bitte annektiert uns!“ 

Mein letzter Zufluchtsort ist der Feierabend-Kick mit den Kollegen. Auch hier gratuliert mir zwar jeder brav, einige weniger versöhnliche Sportkameraden aber tun das hörbar zähne­knirschend. „War aber auch viel Glück dabei. Wenn ihr gegen uns gemusst hättet… weiß ich nicht, ob ihr dann gewonnen hättet.“ Hier bin ich Schuft, hier darf ich’s sein: „Mach dir nichts draus. Dafür seid ihr in anderen Dingen besser. Zum Beispiel, im…, äh… Domino Day! Daar bakken wij Duitsers echt niks van!“

 domino-day

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