RAMSCH!

Ich bin das, was man einen Bücherwurm nennt. Wenn ich umziehe („verhausen“ sagt der Niederländer) reisen Unmengen, reißen Umzugskartons, fluchen Freunde. Doch immer wieder zieht es mich an die Wühltische mit den „Ramsj“-Büchern. Heute lächelt mich an: Raf Willems „Van Bensemann tot Beckenbauer. De verborgen geschiedenis van het Duitse voetbal“, Soesterberg 2006. „Verborgene Geschichte“ klingt gut, fast schon „geheim“. Von hier ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zu „verboten“… die Farbgebung des Umschlags scheint das zu be­stätigen, das Buch ist in den Farben von Kriegs- und Nachkriegsdeutschland gehalten. Ich hoffe, Dinge zu erfahren, die ich noch nicht weiß. Für schlappe fünf Euro nenne ich das Buch mein Eigen. 

Der Autor formuliert eingangs die Kernfrage: „werden wir den deutschen Fußball je mögen können?“ In der Folge beantwortet er diese Frage wortreich mit Nein. Auf rund 150 Seiten gibt er dafür die (historischen) Gründe. Das deutsche Spiel sei traditionell ohne Eleganz, Leidenschaft, oder Phantasie (S.32), der typische deutsche Spieler laufe, wühle, sei unermüdlich, grimmig und bescheiden (S.99). Zu Willems (vorläufiger) Ehren­rettung sei erwähnt, dass er 2012 das Buch veröffentlicht: „Het Mannschaftswunder. Waarom de Duitsers de besten zijn.“

(…) der Bökelberg ertrinkt in einem psychedelischen Rausch.“

Ich lese dieses Buch so, wie Zeichentrick-Kater Tom das Tagebuch der Maus Jerry liest: die anfangs gute Stimmungslage verschlechtert sich zusehends und gegen Ende will ich das Buch zerreißen und Raf Willems eine Torte ins Gesicht schmettern. Zunächst muss ich noch schmunzeln über Sätze wie „Günter Netzers Spiel neigte zur Erotik und Choreographie.“ Netzer wird als Anti-Deutscher geschildert, als einsamer Amsterdamer in der Bundesliga: „Es legt sich eine geweihte Stille über das Stadion. Günter Netzer führt sein Strafstoßritual aus. Er legt den Ball voller Zärtlichkeit ins Gras. Netzer gerät in Trance, ruft höhere Mächte an, kniet, vollstreckt eine erotische Verführung mit dem Ball. (…) der Bökelberg ertrinkt in einem psychedelischen Rausch.“ Oder der hier: „Damit glich der Bökelberg endgültig dem Zauberberg, Thomas Manns episches Meisterwerk. Anfangs eine Bastion kulturellen Reichtums und freier Liebe und schließlich im Chaos versinkend.“

Der Autor will den Eindruck großer Belesenheit wecken. Er zitiert neben Thomas Mann auch Günter Grass und Alexander Solschenizyn. Willems hat für seine „verborgene Geschichte“ 25 deutsche Fußballbücher gelesen, außerdem jahrelang Reisen nach Deutschland unternommen, dort mit Politikern, Fanbe­auftragten, Historikern und Schrift­stellern gesprochen. Man muss davon ausgehen, es hier mit einem ausgesprochenen Fach­mann zu tun zu haben, denn Raf Willems hat neben den beiden Büchern über den deutschen Fußball auch eine Biographie über einen dänischen Torwart, ein Buch über den FC Barcelona, eines über belgische Profis in der Premier League und gleich zwei Bücher zur WM in Brasilien veröffentlicht.

Olaf Thon ein ehemaliger Nationalspieler der DDR?!

Sehr schnell wird jedoch deutlich, dass Willems‘ Deutsch sehr schlecht ist und dass er keine Ahnung vom (deutschen) Fußball hat. Er schreibt über den SC Wattenscheid, über Vaterlandslösigkeit, den DBF und Lothar Matthaüs. Könnte man solche Fehler vielleicht noch wohlwollend entschuldigen (Flüchtigkeit, Tastatur klemmt, Lektor tot), der folgende Schnitzer ist zu peinlich: Olaf Thon ein ehemaliger Nationalspieler der DDR, der im Juli 1990 mit dem wiedervereinigten Deutschland Weltmeister wird?! Es handelt sich hier nicht um einen einzelnen Ausrutscher, Willems widmet dem Finale der „ersten gesamt­deutschen Weltmeisterschaft seit 1938“ gleich ein ganzes Kapitel.

Das liberale, tolerante Bremen ist laut Willems die undeutscheste Stadt des Landes und Werder ein Gegenentwurf zum typisch teutonischen Kraft-Fußball. Otto Rehagel ver­ant­wortlich für einen attraktiven Fußball, Verteidiger (!) Charisteas dabei ein Schlüssel­spieler.

Willems haut gerne auf die Kacke, seinen Vergleichen ist unter keinen Umständen Folge zu leisten: der Bau des Münchener Olympiastadions läutet den Untergang ein von der „Phantasie der Macht“, fleischgeworden in Willy Brandt (Weltpolitik) und Johan Cruijff (Weltfußball). Deren „utopisches Verlangen“ sei abgelöst worden vom neuen Realismus eines Helmut Schmidt und eines Franz Beckenbauer. Letzteren hat der sehr linke Willems (ist sein Vorname Zufall?) besonders gefressen. Für ihn personifiziert der Kaiser ein kon­servatives, distanziertes, hochmütiges Deutschland und super-effiziente, harte, gefühllose Sachlichkeit. „Ständig mit dem Taschenrechner in der Hand.“ War es nicht Cruijff, der als einziger niederländischer Spieler nicht drei, sondern zwei Streifen auf dem Trikot trug, weil er einen lukrativen Exklusiv-Vertrag mit Puma hatte? Und richtete sich sein „utopisches Verlangen“ nicht vor allem auf die Siegprämie, die in seinen Augen viel zu niedrig war?

In diesem Buch kommen nur sehr wenige deutsche Spieler gut weg. Dazu gehören Günter Netzer und Jürgen Klinsmann. Sie sind die Ausnahmen, welche die Regel be­stätigen. Den Adler auf der Brust zu spüren korrumpiert den Charakter, anders ist der folgende Satz kaum zu verstehen: „Trotz seiner 47 deutschen Tore in 108 Länderspielen hat er sich zu einem in Kalifornien lebenden Weltbürger entwickelt.“

Nein, dieses Buch wird nie mit mir umziehen, ich werde es an der Autobahn aus­setzen, oder im Zug ver­gessen. Ich werde es „auswildern“ wie das in der Sprache moderner Bücherwürmer heißt. bclabelUnter der folgenden Book Crossing Identitäts Nummer werde ich es verlieren: 712-12834013.
Gute Reise!

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